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Stimmung gestalten im Dialog mit dem Publikum
Eine Annäherung an unsere Theaterform

Ein Siebener-Rhythmus pulsierte durch die Gruppe der Zwerge in 'Schneewittchen'. Dieser Rhythmus war sichtbar und hörbar in der Art wie sie gingen und ihre Instrumente spielten. Jeder schlug eine eigene Variation des Rhythmus auf seinem Metallgegenstand (z.B. Topf, Glocke oder Reibeisen) und ging oder tanzte entsprechend. Eine Stimmung fröhlichster Erwartung lebte in den Kindern auf, wenn diese heitere Klangsymphonie zu hören war, obwohl sie die Zwergen noch nirgens sehen konnten.

Eurythmie

Wovon Märchen erzählen (Michael Ende)

Ein entzücktes Kichern brach aus, als die sieben erschienen und hielt an bis sie in das Waldhäuschen eintraten. Einer nach dem andern entdeckten sie, daß etwas nicht stimmte und blieben erschreckt stehen: abruptes Abstoppen der Bewegung ermöglicht das Freiwerden des Staunens. So bildete sich choreographisch ein Linie, die von Zwerg zu Zwerg und schließlich zum schlafenden Schneewittchen führte. In der Stille: große Betroffenheit der Zwerge. Die heitere Gelöstheit der Kinder war hinübergeführt worden in stille, zurückhaltende Aufmerksamkeit.

Im Norwegischen Volksmärchen 'Zottelhaube' hatten wir alle Szenen auf Rhythmen aufgebaut. Dem Charakter einer Situation entsprechend pulsierte ein aufsteigender- oder ein fallender Rhythmus durch die Handlung, sowie durch die Sprache. Eine 'jambische' Szene:

Schöne (mit Kalbskopf): Muh!... Muh!... (Panik der anderen)
Zottelhaube: Vater, hier! Ein Schiff muß her!
König: Ein Schiff, woher? Und zwar, wofür?
Zottelhaube: Ich fahr' hinaus auf's weite Meer
   Und hol' den Kopf der Schwester her!
König: Ein Schiff dafür! Soldaten her!
   Mein ganzes Heer soll mit auf's Meer!
Zottelhaube: Vater, hier! Ich will kein Heer!
  Ich fahr' allein mit Schwesterlein.
  Du Schwester du, du Kalb, du Kuh -
  Wir fahren los, ohn' Rast, ohn' Ruh.
  Wir fahren hinaus auf's weite Meer
  Und holen uns den Kopfe her...

Zottelhaube, ein freches Mädchen, das den ganzen Hofstaat durcheinander bringt und mit den Trollen kämpft, reitet seit ihrer Geburt auf einem Geißbock. Zwei Eurythmistinnen gestalteten dieses unzertrennliche- und energische Paar: die rhythmisierte Sprache wird mit den Füßen genau geschritten und gestampft und mit Hilfe von Kastagnetten verstärkt. Dazu werden die Lautgesten charaktervoll gestaltet. Die soeben beschriebene Szene steigert sich choreographisch in eine auswickelnde Spirale, die alle Protagonisten mit sich reißt. Der Jambus treibt alle immer schneller vorwärts, angeführt von Zottelhaube und Bock. Durch helle, gelbe Beleuchtung wird die exkarnierende Wirkung verstärkt, bis zuletzt alle stürmisch die Bühne verlassen. Im Seelenatem der Zuschauer ist eine energische Dynamisierung angeregt, sich steigernd fast bis zum Zittern. Nach dem hastigen Abgang des Chors aber senkt sich behutsam eine beruhigende Dunkelheit (damit das Publikum nicht zum Klatschen angeregt wird) und ein Lichtstrahl hebt die Erzählerin hervor, die im ruhigen Takt auf einer Trommel schlägt und dazu einen Text im trochäischen Rhythmus spricht. Die Septim-Stimmung (etwas panisch) wird in eine Prim-Stimmung (Beruhigung) hinübergeführt:

Rauschend rollen, rollend rauschen
ries'ge Wellen träg daher. 
Welle hin und Welle her,
Hei! Wir fahren. Hei! Wir fahren -
Welle hin und Welle her, -
fahren das Boot über's blaue Meer.

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