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Der singende Mauritzio kommt von hinten durch den Saal. Rasch wird es ruhig und die Ohren, Augen und Herzen der Kinder richten sich auf diesen einen, frisch wirkenden Menschen, der etwas übermäßig Großes mit sich trägt. Was ist das? Was hat der dabei? Was wird er damit machen? So fragen sich die Kinder. Erst wenn Maurizio vorne bei der Bühne angekommen ist, 'bemerkt' er sie. Er ist spürbar beglückt und genießt sofort die Anwesenheit aller: Wärme fließt hin und her zwischen ihm und den Kindern. Maurizio zeigt stolz Großvaters Riesenerzählnuß: darinnen hatte dieser immer eine Geschichte versteckt. Aber wie hate der Großvater damals bloß die Nuß aufgemacht? Mauritzio weiß es nicht mehr: ob die Kinder ihn helfen könnten? Das braucht er kein zweites Mal fragen. Überall hört er 'Ich', 'Ich'... und wieviele Finger gehen in die Höhe. Das eine Kind sagt 'Presslufthammer', ein anderes 'Zauberformel', usw. Einiges probiert Maurizio gleich aus. Das meiste findet er eine gute Idee. Mit allen zusammen wird zulezt mit den Füßen gestampft und dazu in Richtung der Nuß geblasen. Das wirkt Wunder: die Erzählnuß geht ein wenig auf und zu gleicher Zeit auch der Vorhang ein kleines Stück. Da hat Mauritzio schon in die Nuß hineingefaßt und was holt er heraus? Ein Rauhtierchen (Handschuhpelzchen mit Nase), womit er an der erste Reihe vorbeigeht, um es einzelne Kinder streicheln zu lassen. Dann kehrt er zur Nuß zurück und öffnet sie weiter. Wieder geht der Vorhang (diesmal ganz) auf und der beleuchtete Bühnenraum wird überhaupt jetzt erst sichtbar. Mauritzio hat noch etwas aus der Erzählnuß gefischt: zwei farbige Fähnchen. Begeistert eilt er von links nach rechts und zurück, die Fähnchen in der Luft schwingend. Und hinter- und mit ihm, auf der Bühne schwingen erst von links-, dann von rechts fahnenführende EurythmistInnen mit Musik herein: der Hofstaat des Königs und der Königin. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist oktavartig im neuen Raum angekommen. Die Geschichte kann nun beginnen, denn im Saal sind alle dafür eingestimmt. Das Vorspiel hat, wenn wir es musikalisch-eurythmisch reflektieren, alle Stufen zwischen Prim- und Oktavstimmung durchlaufen: die Aufmerksamkeit der Kinder war konzentriert- und geöffnet worden und zuletzt, über die Bühnenschwelle in eine qualitativ anderen Wirklichkeit hineingeführt.
Der Erzähler Mauritzio hat als Identifikationsfigur für die Kinder seinen Platz in ihren Herzen erobert. Er sitzt auf der Vorbühne und ist Vermittler. Durch das Vorspiel ist er mit den Zuschauer herzlich verbunden. Er führt sie zur Bühne hin und in das Bühnengeschehen hinein. An entscheidenden Stellen springt er auf und gestaltet ein kleines Intermezzo, lenkt kurz von der Bühne ab, ohne thematisch abzukoppeln. Geschickt leitet er zur nächsten Szene über. Dann tritt er wieder zur Seite. So trägt und bestimmt er den großen Stimmungsbogen der gesamten Aufführung. Mauritzio 'ist angeschlossen' an den Stimmungsatem des Publikums.
Durch Rhythmus Vitalität vermitteln: Kinderprogramme.
Ein Motto für die Gestaltung des Unterrichts formulierte Rudolf Steiner: "Pädagogik ist richtig Atmen lehren". Das ist ein bedeutender Hinweis in Richtung 'Stimmung'. Für uns Theatermacher ist dasselbe Motto eine dramaturgische Herausforderung.
Durch die Art wie Inhalte im Laufe der Zeit vermittelt werden, wird in den Kindern Seelenatem angelegt, gebildet und geschult. Mit Hilfe von (Lehr)Inhalten plastiziert und belebt der Lehrer das gesammte Seeleninnere der Kinder. Das ist ein künstlerischer Prozeß. Je freier und souveräner ein Lehrer lehrt, umso freier und lustvoller werden 'seine' SchülerInnen daran interessiert sein Welt/Inhalte aufzunehmen und zu verarbeiten. Was hier 'Atmen' genannt wird, ist also umfassend gemeint: das gesunde Atmen des Leibes, aber vor allem auch das gesunde Atmen der Seele im Tun (Gestalten) und Aufnehmen (Wahrnehmen).
Beim Inszenieren von Eurythmie-Theaterproduktionen ist es uns immer wichtiger geworden, auf den Atemprozeß im Dialog mit dem Publikum zu achten. Es geht um Stimmungs-Kultur, um die Wirkung der Darstellung. Dies ist etwas sehr Lebendiges, Komplexes, -eine wunderbare und schöne Herausforderung, die Aufmerksamkeit der Zuschauer entgegenzunehmen und zu beleben. Einige weitere Beispiele:
Im Vorspiel des Märchens 'Der Teufel mit den drei goldenen Haaren' trat Mauritzio wieder auf, diesmal als Müllersbursche. Er lehrte dem Publikum das Lied 'Es klappert die Mühle am rauschenden Bach' zu singen, wozu ein bestimmter Rhythmus abwechselnd gestampft und geklatscht wurde. Später tanzten die Müllersleute beim Fest in der Mühle, während das vorbereitete Publikum 'Es klappert...' sang, stampfte und klatschte. So war es z.B. im Metropol Theater in Bonn, wo an die 700 Kindern und Eltern begeistert mitmachten. Dann trat plötzlich der König herein und machte energisch eine S-Geste von oben nach unten. Mit einem Ruck blieben die DarstellerInnen wie angenagelt stehen. Die Wirkung dieses abrupten Bruches war, daß alle 700 Zuschauer den Atem anhielten. In der absoluten Stille zeigte der König auf das Glückskind, das er hätte töten wollen. Das ausgelassene Mitsingen, -stampfen und -klatschen der Zuschauer wurde mit einer eurythmischen Geste gestoppt und die freigesetzte Aufmerksamkeit spannungsvoll auf eine Figur fokussiert. Die Energie aller ging von einer eher dumpfen, genüßlichen- und bombastischen Stimmung direkt in eine wache spannungsvoll geladene Stimmung über. Ein solcher Vorgang spendet Vitalität.
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